Hintergrund

„Von allen regelmäßig bewerteten Lebensraumbereichen ist die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft am stärksten rückläufig.“

(Bundesamt für Naturschutz, Agrar-Report 2017)

 

 

Der Rückgang der Biodiversität

Die biologische Vielfalt in unserer Agrarlandschaft ist massiv bedroht. Der Bestand vieler Arten ist in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen (1). So weist z. B. der Kiebitz, ein 1990 noch häufiger Vogel der Agrarlandschaft, einen Bestandsrückgang  bis zum Jahr 2015 um 78 % auf (2). Auch das Rebhuhn wird mit einem Rückgang von 84 % als stark gefährdete Art auf der Roten Liste Deutschlands geführt (2, 3). Bei Feldlerche, Goldammer, Ortolan, Uferschnepfe und vielen anderen Feldvögeln sieht es ähnlich dramatisch aus. Auch ihre Bestände gehen stark zurück (2).

Auch bei den Insekten sind dramatische Rückgänge zu beobachten. Jahrzehntelange Untersuchungen des Entomologischen Vereins Krefeld belegen massive Biomasseverluste von ca. 75 % bei flugfähigen Insekten in Schutzgebieten (4). Weitere Studien zum Rückgang von Wildbienen, Schwebfliegen, Schmetterlingen und Laufkäfern stützen diese Ergebnisse (5, 6, 7).

Auch um die Ackerwildkräuter ist es schlecht bestellt. Ihr Deckungsgrad ging zwischen 1960 und 2009 auf ein Zehntel zurück, von 30 % auf 3 % (8). Über ein Drittel der Arten ist gefährdet (1). Früher häufige Arten wie Acker-Rittersporn (Consolida regalis) oder der Lämmersalat (Arnoseris minima) sind nur noch sehr selten zu finden.

Das Vorkommen der Ackerwildkräuter steht in einem sehr engen Zusammenhang mit dem Vorkommen vieler Insekten- und Feldvogelarten. Insekten nutzen die Ackerwildkräuter beispielsweise als Nektar- und Pollenquelle, Feldvögel fressen ihre Samen und profitieren gleichzeitig von einem reicheren Insektenangebot.

 

Ursachen für den Rückgang

Die Intensivierung der Landwirtschaft wird neben der Zerschneidung und zunehmenden Versiegelung der Landschaft als eine der Hauptursachen für den massiven Rückgang der Artenvielfalt in der Agrarlandschaft angesehen (z. B. 1, 9, 10, 11). Die Strukturvielfalt in der Agrarlandschaft hat stark abgenommen: Wichtige Lebensräume wie Ackerrandstreifen und Hecken verschwinden, kleinere Schläge werden zu größeren zusammengelegt, die Kulturartenvielfalt ist in vielen Regionen gering: Getreide, Mais und Raps prägen die Landschaft. Hinzu kommt der Verlust von artenreichem, extensiv genutztem Grünland. Auch der intensive Einsatz von Pestiziden hat viele negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt. Pestizide wirken direkt auf dem Acker, gelangen aber auch in benachbarte Biotope sowie in die Nahrungskette und das Grundwasser. Eine intensive Düngung führt zum Verlust vieler Arten, die auf nährstoffarme Böden angewiesen sind. Zusätzlich belastet sie das Grundwasser: Aktuell weisen rund 28 % der Grundwasser-Messstellen eine Nitratbelastung über dem zulässigen Grenzwert von 50 mg/l auf (12).

Die bisherigen Bemühungen, diese negativen Entwicklungen einzudämmen, sind nicht ausreichend. Nur etwa 40 % der landwirtschaftlichen Betriebe engagiert sich im Bereich der Agrarumweltmaßnahmen (13). Auch die ökologischen Vorrangflächen, die Landwirtinnen und Landwirte aktuell im Rahmen des Greenings zur Verfügung stellen müssen, zeigen nur sehr wenig bis gar keine Wirkung (14, 15): Die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft nimmt weiter dramatisch ab. Grundwasser und Böden werden weiterhin massiv belastet.

Das Bewusstsein in der Gesellschaft ist da

Die landwirtschaftliche Realität steht den Interessen eines großen Teils der Gesellschaft entgegen. Die vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und Bundesamt für Naturschutz durchgeführte Studie „Naturbewusstsein 2015“ (16) belegt, dass sich nahezu alle Menschen in Deutschland eine naturverträgliche Landwirtschaft wünschen. Die große Mehrheit der Gesellschaft befürwortet demnach Landnutzungsformen, die die Vielfalt der Pflanzen und Tiere sowie ihrer Lebensräume dauerhaft sichern und die Eigenart und Schönheit von Landschaft und Natur erhalten. In der repräsentativen Befragung stimmen 92 % der Befragten der Forderung zu, dass die Landwirtschaft die Auswirkungen ihres Handelns auf die Natur zu berücksichtigen hat. Fast alle Befragten sehen die chemische Schädlings- und Unkrautbekämpfung als naturschädigend an. Aber auch der Einsatz von genetisch veränderten Organismen und Kunstdünger sowie intensive Monokulturen werden von den meisten Menschen kritisch gesehen. Um den Naturschutz in der Landwirtschaft zu verbessern, befürworten 83 % der Befragten strengere Regeln und Gesetze; 74 % sprechen sich für eine stärkere finanzielle Förderung von Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft aus. Diese hohen Werte ergeben sich trotz des ausdrücklichen Hinweises auf damit einhergehende finanzielle Belastungen, wie zum Beispiel höhere Steuern oder höhere Lebensmittelpreise. Insgesamt belegt die Studie einen starken gesellschaftlichen Wunsch nach einer naturverträglicheren Landwirtschaft. Dieser Wunsch wird nicht nur von klassischen naturschutznahen Milieus, sondern von der breiten Mehrheit der Bevölkerung getragen.

Es kann etwas getan werden

Viele Kommunen, Städte und Gemeinden reagieren bereits auf diesen Wunsch der Bevölkerung. Sie vereinbaren in ihren Pachtverträgen den Verzicht auf Pestizide oder andere Maßnahmen wie die Anlage von Blühstreifen (z. B. 17). Auch in Kirchenkreisen wird der Themenkomplex „Umgang mit kirchlichem Pachtland“ diskutiert. Eine Vielzahl von Veranstaltungen und Vorschlägen zu Kriterienkatalogen für die Verpachtung zeugen von einem hohen Bewusstsein für das Thema biologische Vielfalt auf kircheneigenen Landwirtschaftsflächen (z. B. 18, 19, 20).

Genauso können auch Privatpersonen und andere Landeigentümerinnen und Landeigentümer auf ihrem Land etwas Gutes für die Natur tun: Auch sie können gemeinsam mit ihren Landwirtinnen und Landwirten Naturschutzmaßnahmen im Pachtvertrag vereinbaren.

Rund 60 % der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland sind Pachtland (21). Hier besteht großes Potenzial für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und viele andere Naturschutz-Organisation, die Flächeneigentum besitzen, haben bereits seit vielen Jahren Erfahrungen mit der naturschutzfachlichen Verpachtung von Landwirtschaftsflächen. Diese Erfahrungen werden im Projekt Fairpachten an Landeigentümerinnen und Landeigentümer weitergegeben. Sowohl die Anlage eines Blüh- oder Randstreifens am Ackerrand als auch der komplette Verzicht auf stickstoffhaltige Düngemittel oder die Umstellung auf Ökolandbau und viele weitere Maßnahmen lassen sich im Pachtvertrag vereinbaren. Das Beratungsteam von Fairpachten hilft dabei die passenden Naturschutzmaßnahmen für Acker- und Grünland zu identifizieren und liefert Beispielformulierungen für den Pachtvertag.

 

Literatur:

  1. Bundesamt für Naturschutz (2017): Agrar-Report 2017 - Biologische Vielfalt in der Agrarlandschaft. Bonn.
  2. Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) (2019): Bestandsentwicklung, Verbreitung und jahreszeitliches Auftreten von Brut- und Rastvögeln in Deutschland, www.dda-web.de/vid-online/.
  3. Grüneberg, C., Bauer, H.-G. et al. (2015): Rote Liste der Brutvögel Deutschlands. 5. Fassung, 30. November 2015. Berichte zum Vogelschutz 52: 19-67.
  4. Hallmann, C.A., Sorg, M. et al. (2017): More than 75 percent de-cline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas, in: PLoS ONE 12 (10).
  5. Biesmeijer J.C., Roberts S.P.M. et al. (2006): Parallel Declines in Pollinators and Insect-Pollinated Plants in Britain and the Netherlands. In: SCIENCE, 10.1126/science.1127863.
  6. Habel J.C., Segerer A. et al. (2015): Butterfly community shifts over two centuries. In: Conservation Biology 30 (4) 2015.
  7. Brooks, D.R., Bater, J.E. et al. (2012): Large carabid beetle declines in a United Kingdom monitoring network increases evidence for a widespread loss in insect biodiversity. In: Journal of Applied Ecology 2012, 49, 1009-1019.
  8. Meyer, S., Wesche, K. et al. (2013): Dramatic losses of specialist arable plants in Central Germany since the 1950s/60s -a cross-regional analysis. Diversity and Distributions, 19, 1175-1187.
  9. Wahl, J., Dröschmeister, R. et al. (2015): Vögel in Deutschland – 2014. DDA, BfN, LAG VSW. Münster.
  10. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) (2015): Indikatorenbericht 2014 zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Berlin.
  11. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, Union der deutschen Akademien der Wissenschaften (2018): Artenrückgang in der Agrarlandschaft: Was wissen wir und was können wir tun? Halle (Saale).
  12. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2016): Nitratbericht 2016. Bonn.
  13. Deutscher Bauernverband, Pressemitteilung vom 25.06.2018 und Statistisches Bundesamt 2016: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/ LandForstwirtschaftFischerei/LandwirtschaftlicheBetriebe/LandwirtschaftlicheBetriebe.html
  14. Peer, G., Zinngrebe, Y., et al. (2016). Adding some green to the greening: improving the EU's ecological focus areas for biodiversity and farmers. Conserv. Lett. doi: 10.1111/conl.12333.
  15. Nitsch, H., Röder, N. et al. (2018): Ökologische Vorrangflächen: Gut gedacht - schlecht gemacht? Natur und Landschaft 93 (6), S. 258-265.
  16. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2016): Naturbewusstsein 2015. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt. Bonn.
  17. BUND (2019): Pestizidfreie Kommunen: Es tut sich was. https://www.bund.net/umweltgifte/pestizide/pestizidfreie-kommune/ .
  18. Evangelische Akademie Loccum, Bundesamt für Naturschutz (BfN), Evangelischer Dienst auf dem Land der EKD (EDL), Katholische Landvolk Bewegung (KLB) und Succow Stiftung (2016): Loccumer Appell zur Verpachtung von Kirchenland: Ergebnis der Tagung „Kirchenland im Spannungsfeld sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Interessen“ an der Ev. Akademie Loccum 2.-4. September 2016.
  19. Deutsche Bischofskonferenz (2018): Schöpfungsverantwortung als kirchlicher Auftrag Handlungsempfehlungen zu Ökologie und nachhaltiger Entwicklung für die deutschen (Erz-) Diözesen.
  20. Evangelische Kirche von Westfalen (2017): Kriterien für die Verpachtung von Kirchenland in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Eine Handreichung.
  21. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2015): Agrarpolitischer Bericht der Bundesregierung 2015. Berlin.

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